Die Digitalisierung der Wasserwirtschaft

Diese digitale Revolution zu gestalten, ist vielleicht nicht die größte, aber eine wesentliche Herausforderung für die Wasserwirtschaft in den nächsten Jahren. Die Digitalisierung kann zudem bei der Bewältigung anderer Herausforderungen wie etwa dem effizienten Ressourcenmanagement, der Einhaltung strengerer Grenzwerte und verbesserter Umweltstandards helfen. Nicht zuletzt kann die Wasserwirtschaft nur unter Einsatz digitaler Technologien ihrer Rolle als zentraler Akteur einer Smart City gerecht werden.

Beim Thema Digitalisierung steht die deutsche Wasserwirtschaft längst nicht mehr am Anfang. Die computergestützte Steuerung von Pumpen ist heute ebenso Standard wie die elektronische Überwachung von Wartungsintervallen. Fernauslesbare Zähler bringen Effizienzgewinne im Einsatz von Personal und in der Administration – für Versorger und Großkunden. Privatkunden profitieren ebenfalls von den smarten Zählern, die zum Beispiel sofort und auch aus der Ferne Auskunft geben können über bislang unentdeckte Wasserverluste in nur selten genutzten Immobilien.

Ebenso können digitale Durchflussmessgeräte, die auch noch fernauslesbar sind, im Netz eingesetzt werden: Sie messen nicht nur ohne Sensor im Rohr sondern übertragen ihre Daten per Funk an den Versorger. In Echtzeit erfassen sie mögliche Druckverluste und Lecks und alarmieren den Netzbetreiber.

Verbrauchs- und Erzeugungsdaten von Energie werden heute ebenfalls nahezu in Echtzeit digital erhoben und ausgewertet. Kombiniert mit Netzdaten der Energieversorger entsteht ein modernes Energiemanagement, das für Großverbraucher und -erzeuger, wie es Unternehmen der Wasserwirtschaft oft sind, unabdingbar ist.

Digitale Workflows in der Planung und Durchführung von Baumaßnahmen optimieren nicht nur die betriebsinternen Prozesse und integrieren beispielsweise Beschaffung und Auftragsvergabe ganz natürlich in den Planungsprozess, sie schaffen auch Synergien, von denen eine ganze Stadt profitieren kann – nämlich, wenn alle Infrastrukturbetreiber nach einem Modell vorgehen, ihre Daten austauschen und so Maßnahmen bündeln. Die Folge sind nicht nur geringere Kosten für jeden Betreiber sondern auch kürzere Bauzeiten mit geringeren Belastungen für Anwohner und Verkehr.

Die Beispiele zeigen, dass an immer mehr Stellen in den Werken und Netzen von Wasserver- und Abwasserentsorgern Daten erhoben und genutzt werden. Deren digitalisierte Erfassung und Aufbereitung  ermöglicht, die vielfältigen technischen und kaufmännischen Systeme ganzheitlich zu analysieren und zu optimieren. Schon heute profitieren Wasser-Unternehmen erheblich von der Digitalisierung. So ist ein modernes, unternehmensweites Asset Management erst durch die digitale Sammlung, Bereitstellung und Analyse von Daten möglich. Nachhaltigkeit und Effizienz von Managementprozessen und Finanzierungskonzepten lassen sich heute nicht nur im Nachhinein bewerten. Vielmehr können wir unter Zuhilfenahme datengestützter Simulationen verschiedene Varianten vergleichen und Entscheidungen so auf einer wesentlich besseren Grundlage fällen.

"Unter dem Einsatz digitaler Technologien kann die Wasserwirtschaft ihrer Rolle als wichtiger Akteur einer intelligenten Stadt gerecht werden.“

Jörg Simon, Vostandsvorsitzender

Big Data ist kein inhaltsleeres Schlagwort, bereits heute verfügen wir über Datensammlungen, die sich für entsprechende Analysen nutzen lassen. Dies kann beispielsweise bedeuten, Kunden vollständig digitalisierte Kommunikationsprozesse anzubieten, wie sie sie aus anderen Branchen bereits kennen und so Kundenbeziehungen und Marketing besser auszusteuern. Daten zum Wassernutzungsverhalten lassen sich quasi in Echtzeit zur Anpassung betrieblicher Prozesse, etwa für ein modernes Druckmanagement im Wassernetz, nutzen. Und Daten zu Niederschlägen, ebenfalls in Echtzeit, helfen beim Management der innerstädtischen Abwasserströme. Dies beschreibt lediglich in Ansätzen das, was unter dem Stichwort Smart City möglich ist. Denn Sensorik und Datensammlung finden in allen Bereichen des Lebens statt. Für die Wasserwirtschaft kommt es darauf an, sich dem nicht zu verschließen sondern Chancen zu erkennen und Innovationen für sich zu nutzen. Unter anderem deshalb unterstützen die Berliner Wasserbetriebe eine Stiftungsprofessur an der Technischen Universität Berlin, die sich in den nächsten Jahren mit smarten Wasser-Infrastrukturen beschäftigen wird. Und wir sind Partner im InfraLab, in dem die großen Infrastrukturbetreiber der Stadt Ideen zur Digitalisierung, Vernetzung und Smart City Berlin entwickeln und gemeinsam mit Unternehmen an den Markt bringen.

Innovationsbereitschaft darf nicht verwechselt werden mit blinder Fortschrittsgläubigkeit. Das Verhältnis zwischen Digitalisierung auf der einen und Systemsicherheit auf der anderen Seite muss immer wieder neu betrachtet werden. Eine kontinuierliche Prüfung von Schnittstellen und möglichen Gefahrenquellen ist dennoch unabdingbar. Denn Digitalisierung kann eben auch Unsicherheit bedeuten. Die Antwort darauf kann nur die entschiedene Trennung der Prozessleitsysteme von der übrigen – vor allem der internetangebundenen – IT-Landschaft sein. Was das betrifft, sind viele Unternehmen der deutschen Wasserwirtschaft bereits heute gut aufgestellt.

Denn Wasser- und Abwassernetze lassen sich weder miniaturisieren noch entmaterialisieren. So digital unsere Kundenkommunikation auch ist, unsere Dienstleistung wird immer eine ganz persönlich erfahrbare bleiben: die ständige Lieferung von frischem Trinkwasser bester Qualität und die sichere und umweltgerechte Behandlung des Abwassers. Doch daraus eine Ablehnung neuer Technologien zu folgern, wäre grundfalsch und gefährlich. Denn es hieße, die Chancen, die in diesem Thema für die Wasserwirtschaft stecken, zu leichtfertig zu vergeben.

Ob man es die Digitalisierung der Wasserwirtschaft, das Internet der Dinge oder Wasser 4.0 nennt, spielt keine Rolle. Fest steht: In dieser Umwälzung steckt nicht nur für die Industrie gewaltiges Potenzial, sondern auch für die Wasserwirtschaft. Die Sammlung und Auswertung unserer Daten hilft uns nicht nur, unserer eigenen Aufgabe – der effizienten Bereitstellung von bestem Trinkwasser und Behandlung von Abwasser – noch besser gerecht zu werden. Sie bietet Vorteile für unsere Kunden, macht unsere Prozesse schlanker, effizienter und transparenter. Dieses Potenzial vervielfältigt sich, wenn man das Thema Digitalisierung auch noch im Austausch mit anderen Infrastrukturbetreibern denkt. Denn dann lassen sich aus Daten Lösungen für die lebenswerte Stadt der Zukunft generieren.