Zwischen Vorlesung, Baustelle und Paralympics

Hinter Malte Braunschweig liegt ein aufregendes Jahr: Der Leistungsschwimmer und Duale Student im Bereich Bauingenieurwesen bei den Berliner Wasserbetrieben war zum ersten Mal bei den Paralympics in Tokio dabei. Wie er dort abgeschnitten hat und wie sein Alltag als Sportler und Student aussieht, verrät er im Interview.

Malte, mit welchem Gefühl blickst du auf das Jahr 2021 zurück?

Darüber habe ich mir tatsächlich noch nicht so viele Gedanken gemacht. Eigentlich war es ein überwiegend positives Jahr. Klar gab es viele Herausforderungen mit den Paralympics. Dafür war ich oft unterwegs und in Trainingslagern. Und trotzdem lief gleichzeitig auch noch die Hochschule und Praxisausbildung bei den Berliner Wasserbetrieben. Aber ich bin dennoch sehr glücklich über dieses Jahr.

Die Paralympics waren sicherlich ein ganz besonderes Highlight für Dich als Sportler?

Auf jeden Fall, das war das absolute Highlight des Jahres. Es war sehr schön und ich war sehr erfolgreich und zufrieden mit meinem Abschneiden in Tokio.

Was heißt für Dich persönlich erfolgreich?

Mein Ziel war es, mindestens einmal ins Finale zu kommen. Das habe ich geschafft. Im Finale bin ich sehr mutig geschwommen, zwar hinten heraus etwas eingebrochen und Achter geworden. Trotzdem war es für mich der richtige Schritt nach vorne. Mein Ziel ist es, mich langfristig in der Weltspitze zu etablieren.

Es gilt also nicht nur der langläufige Spruch: Dabeisein ist alles?

Nein. Klar ist Dabeisein alles und man gehört nur zu einem ganz kleinen Prozentsatz Sportler, die es zu Olympischen oder Paralympischen Spielen schaffen. Aber man hat trotzdem seine eigenen Ansprüche und Erwartungen, welche Leistungen man erbringen will. Und man möchte sich auch stetig verbessern.

Wie war die Zeit in Tokio? Hattest du Gelegenheit, dir auch die Stadt anzusehen?

Leider gar nicht. Wir durften nicht aus unserer Blase heraus und mussten 48 Stunden nach unserem letzten Start das Land verlassen. Wir haben Tokio nur aus dem Bus heraus vom Paralympischen Dorf auf dem Weg zur Schwimmhalle gesehen.

Findest Du das schade?

Definitiv. Zum einen haben die Zuschauer gefehlt, das hat man auch gemerkt. Für jemanden wie mich, der zum allerersten Mal dabei war, war es zwar trotzdem gut, weil dadurch die Aufregung etwas genommen wurde. In der leeren Halle zu schwimmen ist weniger aufregend als wenn noch 15.000 Zuschauer auf der Tribüne sitzen und einen anfeuern. Ich hätte mir darüber hinaus auch gerne noch mehr in Tokio angesehen, weil es wirklich eine schöne Stadt ist. Aber es ging leider nicht.

Dein Bruder Ole ist ebenfalls ein erfolgreicher Schwimmer und war wenige Wochen vor Dir bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei. Hat er Dich im Vorfeld noch ein bisschen darauf vorbereitet, was dich erwarten wird?

Wir haben uns vorher ausgetauscht und er hat mir auch ein paar Tipps gegeben. Es war trotzdem vieles neu. Über die ganzen Hygienemaßnahmen zum Beispiel wusste man schon vorher Bescheid, aber vor Ort waren sie dann noch stärker als gedacht. Man hat unter anderem die ganze Zeit Maske getragen. Nur beim Essen und auf dem eigenen Zimmer nicht. Aber selbst bei 33 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit sind wir Draußen mit Masken rumgelaufen. Ole hat mich ein bisschen darauf vorbereitet, aber wenn man es dann selbst erlebt, ist es alles doch nochmal anders.

Warst Du sehr nervös?

Die Anspannung und Nervosität war definitiv da. Ich hätte es aber noch mehr erwartet. Vor meiner ersten WM war ich aufgeregter, da waren auch noch Zuschauer dabei.

Jetzt bist du zurück im Alltag.

Genau, jetzt ist wieder regelmäßiges Training und parallel auch das Duale Studium.

Wie sieht ein normaler Tag von einem Leistungssportler und Dualen Studenten der Berliner Wasserbetriebe aus?

Sehr interessant und sehr voll. Am Mittwoch zum Beispiel trainiere ich früh von 7:15 bis maximal 10:30 Uhr. Danach bin ich noch eine Runde in der Physiotherapie. Anschließend fahre ich in die Hochschule und habe von 12:30 Uhr bis 15 Uhr ein Modul. Danach geht es wieder in die Schwimmhalle zum Training ab 15:30 Uhr bis 18:30 Uhr. So sieht in etwa ein Standardtag aus. Klar gibt es auch Tage, wo ich früh nicht trainieren kann, weil schon ab 9 Uhr bis 14:30 Uhr Uni ist. Dann fahre ich danach direkt in die Halle zum Training.

Wie ist der zeitliche Umfang?

Ich bin etwa 25 bis 30 Stunden pro Woche mit Training beschäftigt und hinzu kommen noch etwa 20 bis 25 Stunden Hochschule. Es sind alleine 15 Stunden mit Anwesenheit in den Vorlesungen und danach muss ich Zeit Zuhause für die Nachbereitung investieren. In der Praxiszeit habe ich dann ein ähnliches Pensum im Fachbereich bei den Berliner Wasserbetrieben. Das ist schon ein straffes Programm.

Hast du das Gefühl, dass zum Beispiel dein Privatleben zu kurz kommt?

Letztes Jahr habe ich gemerkt, dass es zum Teil zu kurz gekommen ist. Aber man muss dann irgendwo zurückstecken. Man braucht einfach auch Freizeit und Erholung. Wenn ich mir das nicht nehme, gehe ich daran irgendwann kaputt und das möchte ich nicht.

Was hat Dich an dieser Doppelbelastung gereizt?

Ich finde, die Wasserbetriebe sind einfach ein toller Arbeitgeber. Und die Möglichkeit zu haben, meinen Sport weiter auf dem hohen Niveau ausüben zu können, ist ein gutes Zeichen. Es ist natürlich eine Herausforderung und ich war der erste Leistungssportler, der das macht. Ich finde es aber den richtigen Schritt und es macht viel Spaß, auch wenn es anstrengend ist und es wahrscheinlich auch mal schlechte Tage gibt.

Wie verlängert sich Dein Studium durch den parallelen Leistungssport?

Ich studiere die doppelte Zeit. Wir haben das Studium von drei auf sechs Jahre gestreckt. Dafür haben wir einen individuellen Plan erstellt, wann welche Module vorgesehen sind. Ich bearbeite in der Regel zwei Module aus dem ersten Semester über zwei Semester. Dann gehe ich wieder zurück und absolviere die restlichen Module aus dem ersten Semester wieder über ein Jahr. Ich bin also ungefähr zwei Jahre mit einem Jahrgang zusammen und muss danach in den folgenden Jahrgang wechseln.

Hast du reguläre Vorlesungen mit Deinen Kommiliton:innen?

Ja, ich bin im ganz normalen Hochschulbetrieb eingebunden. Es sei denn, ich bin zum Beispiel im Trainingslager. Im letzten Hochschul-Jahr gab es durch Corona keine Präsenzveranstaltungen. Da war es einfacher, auch aus dem Trainingslager online an Vorlesungen teilzunehmen. Den Hochschul-Stoff muss ich jetzt nacharbeiten, wenn ich unterwegs bin. Und wenn ich Probleme habe, kann ich immer nach Hilfe fragen.

Warum hast Du dich für ein Duales Studium im Bereich Bauingenieurwesen entschieden?

Ich habe in der 9. Klasse ein Schülerpraktikum in einem Ingenieurbüro absolviert. Die hatten vorher noch nie einen Schülerpraktikanten und haben mir wirklich alle Facetten gezeigt. Ich war in der Planung und durfte auch drei Tage mit auf eine Baustelle. Da habe ich mehrere andere Bauingenieure getroffen. Das hat mich fasziniert und Spaß gemacht. Von da an war klar, dass ich später in die Richtung gehen wollte. Dass ich letztes Jahr mit dem Dualen Studium begonnen habe hing, damit zusammen, dass die Wasserbetriebe auf den Olympiastützpunkt zugegangen sind. Eigentlich wollte ich das Jahr vor den Paralympics eher ruhig angehen lassen. Aber es war ein tolles Angebot und eine gute Entscheidung. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dual zu studieren, weil ich dachte, dass es als Leistungssportler nicht geht. Ein Duales Studium ist sehr komplex und benötigt viel Zeit. Und Leistungssport auch. Das war für mich vorher eigentlich eine Rechnung, die nicht aufgeht. Aber es läuft sehr gut, weil einem alles ermöglicht wird. Man findet überall Kompromisse und es ist eine wichtige Erfahrung.

Warst Du selbst auch schon mit den Kolleg:innen auf einer Baustelle?

Ja, ich hatte letztes Jahr schon eine Praxisphase. Da bin ich einmal in der Woche in die Cicerostraße gefahren und wir waren auch einen Tag auf der Baustelle des neuen Abwasserhauptpumpwerkes in Charlottenburg. Das war echt toll und beeindruckend.

Das wäre etwas, was Du weitermachen willst?

Auf jeden Fall, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich habe für mich auch schon überlegt, dass ich gerne in die Bauüberwachung gehen möchte. In der Hochschule lerne ich gerade Bauzeichnen und einiges in Richtung Planung. Das ist auch spannend, aber die Bauüberwachung reizt mich mehr. Durch den Sport bin ich ein Mensch, der sich gerne bewegt. Und ich habe eher die Vorstellung, dass ich über eine Baustelle laufe und hier und da etwas kläre, als viel im Büro zu sitzen.

Durftest du in deiner Praxisphase schon an eigenen Projekten arbeiten?

Da ich durch die Uni noch nicht alles gelernt hatte, konnte ich nur bedingt an Projekten arbeiten. Aber PB hat sich sehr viel Mühe gegeben und so durfte ich für den Umbau des Ausbildungszentrums in der Fischerstraße damit beginnen, neue Fahrradständer rauszusuchen und zu planen.

Wie sah deine Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen in der Praxisphase aus?

Die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen war sehr gut, flexibel und entspannt. Gerade in Hinblick auf den Leistungssport wurde viel ermöglicht, so dass ich vermehrt im Homeoffice arbeiten kann.

Als Sportler muss man sehr diszipliniert sein. Hilft Dir das auch bei dem großen Pensum mit Training, Wettkampf und Hochschule?

Ja, definitiv. Gerade was die Planung und das Zeitmanagement angeht. Da hilft es, Leistungssportler zu sein, weil man vielleicht auch etwas strapazierfähiger ist. Beim Leistungssport geht man immer über die Grenzen hinaus.

Warum würdest du anderen auch das Duale Studium bei den Wasserbetrieben empfehlen?

Die Wasserbetriebe sind ein großartiger Arbeitgeber. Ich habe top Voraussetzungen, sie ermöglichen mir meinen Traum als Leistungssportler weiter zu verfolgen. Das ist in Deutschland nicht unbedingt einfach, wenn man nicht Fußballer, Basketballer oder Eishockey-Spieler ist. Sonst kann man mit seinem Sport kaum Geld verdienen. Und bei den Wasserbetrieben arbeiten supernette Kolleg:innen und alle kümmern sich um einen.